Zeitreise zu bösen Weibern und Wüstgläubigen

von D' Weibsbilder & Co

Konfession Stadtführung mal anders

SÜDWEST PRESSE, 3. Mai 2017 - In Isny geht es mit Schauspielern an die Originalschauplätze der Reformation vor 500 Jahren. Von Alfred Wiedemann
Erste Szene, Ölbergkapelle neben der evangelischen Nicolaikirche in Isny. Eine Frau kniet auf der harten Bank, sie betet für ihr gerade beerdigtes Kind. Drei Wochen hat es nur gelebt, es war „ledig“ geboren, unehelich. Vater war ein Kaplan. Es ist das Jahr 1523, und so viel Schimpf und Schande lockt eine Horde Frauen an, die über die Sünderin herziehen. Die Verzweiflung der Frau, das Geläster der „bösen Weiber“, wie es im Textbuch heißt, das dunkle Gewölbe der Kapelle, die einst als Beinhaus diente – beim Zuschauer stellen sich da alle Härchen auf, die Gänsehaut mag gar nicht mehr weggehen.
Alles nur ein Schauspiel, aber ein eindrucksvolles: Isny spielt im Jubiläumsjahr, 500 Jahre nach Luthers Thesenanschlag, seine Reformation nach. Betitelt „Von Recht- und Wüstgläubigen“, auf gut katholisch sind mit „Wüstgläubigen“ Protestanten gemeint.
Die einstige Freie Reichsstadt Isny ist damals schnell vom alten Glauben abgefallen – angesichts weit verbreiteter Geldmache, Prunksucht und Hurerei des römischen Bodenpersonals. Die städtischen Patrizier waren sich einig und sorgten dafür, dass reformatorische Geistliche predigten. Anders als in der benachbarten Reichsstadt Wangen, die katholisch blieb.
Offen für die neue Lehren aus Wittenberg – und für die Huldrych Zwinglis aus dem viel näheren Zürich – waren die Isnyer Stadtherren aber auch, um endlich das Kloster in seine Schranken zu verweisen. Die Abtei innerhalb der Stadtmauern blieb katholisch und damit Stachel im Fleisch der Reichsstadt. Das bot Konfliktstoff über Jahrhunderte – noch bis 1803, bis zum Ende von Reichsabtei und Reichsstadt.
In den Szenen der Stadtführung bekommen Zuschauer Einblicke in diese Vergangenheit. Geschichte ganz plastisch in fünf Akten, aufgeführt von Laiendarstellern in historischen Kostümen vom Isnyer Kinderfest. Am Portal der Nicolaikirche werden die Teilnehmer von Sprecher und Sprecherin begrüßt, „Kaplan Johann“ und „Anna“ erklären das Geschehen.

Flötenbegleitung durch die Stadt

Flötist Johannes Rahn geleitet dann mit Stücken von Michael Praetorius (1571 - 1621) hinüber zur Ölbergkapelle und weiter durch die Altstadt. Im Mai 1523 spielt die erste Szene mit der ledigen Mutter, der armen Sünderin mit dem Straftrupp der keifenden Rechtgläubigen.
Zurück zur Nicolaikirche. In der zweiten Szene geht es um die Ostermesse 1525. Die Bauern rebellieren, und der Stadtpriester hat das Abendmahl als Brot und Wein ausgeteilt. „Wie bei den Lutherischen“, das ist für viele noch Teufelszeug. Für die nächste Szene geht es vors Rathaus. Es ist Herbst 1525, die Bauern sind geschlagen. Die Stadtspitzen streiten mit Abt und Truchsess von Waldburg über die Pfarrerstelle. Dann geht es in den historischen Ratssaal. Frühjahr 1529, der Rat diskutiert den Protest gegen Kaiser und Reich.
Die letzte Szene spielt im Paul-Fagius-Haus, einem Neubau mit Überresten des früheren Hospitals. Das Gebäude teilen sich evangelisches Gemeindezentrum und Kreissparkasse. An Geldautomaten vorbei geht es in die Gotische Halle, die Szene spielt 1534, der Ratsherr und Kaufmann Peter Buffler redet mit dem Theologen Paul Fagius. Zwei wichtige Personen: Bufler kämpfte mit Geld und Einsatz für die Durchsetzung des neuen Glaubens, Fagius war Schulrektor und Pfarrer. Er druckte hebräische Bücher in Isny, war später Professor in Straßburg und Cambridge.
War mal richtig viel los in der kleinen Stadt im Südostzipfel Württembergs, die heute 14 500 Einwohner hat und zum Kreis Ravensburg gehört. Das lehrt die Stadtführung. Langeweile kommt beim Schauspiel keine Minute auf. „Wir wollen ja nicht nur Wissen vermitteln, wir wollen mit der Stadtführung natürlich auch unterhalten“, sagt Ute Dittmar. Die Theaterpädagogin, Schauspielerin und Regisseurin inszenierte mit den Laienschauspielern und Erzählern, insgesamt sind es elf Frauen und vier Männer, fast alle aus Isny, das Stück. Hartmut Helber, Heimatpfleger und ehemaliger Schulleiter, ist für sein Drehbuch in die Archive gegangen.
„Wir mussten sehen, welche zeitgenössischen Ausdrücke noch verstanden werden, welche Begriffe übersetzt werden, was erklärt gehört“, sagt Dittmar. „Dargestellt sind Eckpfeiler des Geschehens von damals“, sagt die Regisseurin. „Alles ist nur angerissen, mehr ist nicht möglich.“ Aber das ist genug für eine mitreißende Gänsehaut-Zeitreise.

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